Brezovica - Skigebiet im Kosovo
Frieden am Hang
Eine schneeverwehte Passstrasse schlängelt sich durch bewaldete Hügel. Der tiefblaue Himmel und das Licht, das die Sonne auf den Schnee wirft, können sich Hersteller von Reiseprospekten alpiner Ferienorte nicht schöner wünschen. Wären da nicht deutsche Soldaten mit kugelsicheren Westen und schwerer Bewaffnung, wähnte man sich in den Alpen. "Wie bei uns daheim im Prättigau", bestätigt der Schweizer swisscoy Fahrer, während ein schlecht gelaunter Kfor-Soldat den Stacheldraht zur Seite räumt und zackig grüsst. Die Gegend um Brezovica war einst das zweitgrösste Skigebiet Jugoslawiens. Über Brezovica erstreckt sich ein Skigebiet mit Gipfeln von mehr als 2500 Metern Höhe. Weltcuprennen und jugoslawische Skimeisterschaften fanden dort statt. Vom höchsten Punkt aus ergibt sich ein idyllisches Balkan-Panorama mit einem Blick über Kosovo, Mazedonien und Albanien. Vergleiche mit dem Zillertal oder Engelberg sind nicht vermessen. Der technische Zustand der Anlagen entspricht allerdings nicht Schweizer Standards. Die Sitzfläche des Sessellifts besteht aus luftdurchlässigen Holzlatten. Auch hält sich das gastronomische Angebot in Grenzen. Urige Skihütten mit phantasievollen alkoholischen Mischgetränken sind nicht vorhanden. Dafür haben die Pistenraupen ganze Arbeit getan. Und die Schneehöhe, die ganz ohne den Beistand von Schneekanonen zustandekam, lässt manchen mitteleuropäischen Tourismusdirektor neidisch werden.
"Vor dem Krieg hatten wir hier vor allem Jugoslawen, Ungarn und Griechen", sagt Sibin Sibinovic, Direktor von Inex-Interexport, das im Skigebiet ein Hotel mit 100 Betten und 16 Kilometer Piste betreibt. Früher seien an manchen Wochenenden 1500 Besucher da gewesen, sagt Sibin Sibinovic. Jetzt können sich fast nur Kfor-Soldaten oder die Mitarbeiter von Hilfsorganisationen den Skipass, der fünf Dollar kostet, leisten. Vor allem für die Soldaten der internationalen Truppen, denen eine spartanische Lebensweise aufgezwungen wird, ist Brezovica eines der seltenen Amusements. Bei der Erläuterung von Daz Slaven, Wing Commander der britischen Kfor-Einheit, das Skifahren sei als Teil der militärischen Ausbildung zu betrachten und stärke den sozialen Zusammenhalt, kommt dem Augenzwinkern eine entscheidende Rolle zu. In einem Artikel in der US-Truppenzeitschrift Stars and Stripes wird der Hoffnung Ausdruck verliehen, dass mit der Eröffnung des Skigebietes im Dezember letzten Jahres "die Spritztouren in die schäbigen Nachtclubs von Sofia" bald überflüssig sein dürften.
Die 40.000 im Kosovo stationierten Kfor-Soldaten machen den Kette rauchenden Sibin Sibinovic nur bedingt glücklich. Zwar kann er auf die zahlungskräftigen Militärs, NGO-Vertreter und Mitglieder der Uno-Verwaltung setzen, die politische Lage rund um Brezovica trübt jedoch seine Bilanz und die Aussichten seiner 80 Angestellten auf Weiterbeschäftigung. Allein der zwangsweise Stillstand in diesem Winter hat der Inex-Interexport mit ihren 600 Betten rund um Brezovica einen Verlust von 25.000 Mark beschert. Der Durchschnittlohn einer Familie dürfte im Kosovo um 1000 Mark im Monat liegen. "Die Zukunft hängt nicht von mir ab, sondern von der politischen Entwicklung im Kosovo", sagt Sibin Sibinovic. Seine Miene ist nicht heiter, als er sich die nächste Zigarette ansteckt.
Das Ski-Tourismus könnte die Volksgruppen in Brezovica vielleicht wieder zusammen bringen, meint Susan Manuel, Sprecherin der Uno-Verwaltung United Mission in Kosovo (Unmik). Sie selbst geniesst es, an freien Tagen vor dem Smog und den staubigen, nach Regenfällen schlammigen Strassen von Pristina in die Berge zu fliehen. Der Sport als völkerverbindendes Glied? Auf der Skipiste von Brezovica vergnügt sich eine Gruppe junger Serben. Ein Raver mit rosa Brillengläsern und Walkman, spielt mit einem Rottweiler. Sascha, der Mann mit dem Ghettoblaster, hat zwar nach einem Skiunfall den Arm in der Binde, sagt aber, dass er die Berge und das Skifahren liebt. Neulich sei auch ein albanischer Freund dabei gewesen. Kosovos Jugend dagegen scheint auf den ersten Blick unberührt von Nationalismus und Kriegsgreuel.
Früher habe ich mit Serben zusammen Basketball gespielt. Ich weiss nicht, wo die heute sind", sagt ein junger Albaner. Für eine Entspannung zwischen den beiden Volksgruppen sei die Zeit noch nicht reif. "Es ist zuviel passiert. Es wird darauf ankommen, wer den ersten Schritt auf den anderen zumacht. Wir wissen ja, wer den Krieg angefangen hat."
©Marc Kollmuss (Fotos),© Felix Ruhl (Text)
Für den gesamten Text bitte kontaktieren Sie Felix Ruhl: ruhl@balcab.ch
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