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Reziprok zu ihrer historischen Bedeutung führen Häfen und Schiffe heute eine versteckte, beinahe heimliche Existenz. Dennoch werden riesige Mengen an Waren auf dem Wasser transportiert. Und es gibt auch heute noch Menschen, die ihr Leben beinahe ausschliesslich auf Meeren und Flüssen verbringen. Der Niederländer Mario Lourenssen, der als Jugendlicher seine Stadt und das Land verliess, ist einer von ihnen. Seit 16 Jahren ist der 33Jährige auf dem Rhein und seinen ebenflüssen unterwegs. Seine Freundin, die Schweizerin Andrea Herren, begleitet ihn seit zwei Jahren. Ihr Leben an Bord ist wie auf einer Insel. Einziges Bindeglied an das Festland sind die vier Kinder, die das Paar hat.

Der Taxifahrer, von Berufs wegen ein Mann mit Ortskenntnis, kann das Hafenbecken 4 des Mannheimer Hafens Altrip nicht finden. Eins ums andere Mal fährt er die Strasse entlang, die von Zäunen und Werkstoren gesäumt wird. Verzweifelt entlässt er uns in die Dunkelheit und zeigt sich grosszügig bei der Berechnung des Fahrtgeldes.
Zum Hafenbecken gelangt, wer durch die lange Produktionshalle eines Stahlwerks irrt und die kleine Metalltür an der Stirnseite nicht übersieht. Noch ein paar Eisenbahnschienen, dann erscheinen die Umrisse eines Schiffs. Die Solta, benannt nach einer kroatischen Insel, wird gerade gelöscht. Ein Kran greift sich gewaltige Rollen mit gebogenem Stahl und befördert sie an Land. Bei jeder angehobenen Rolle schaukelt das Schiff im glitzernden Wasser.
Es ist 22 Uhr, es fällt ein bisschen Regen und Kapitän Mario gibt bekannt, dass er seit 5.30 Uhr auf den Beinen ist, dass das Löschen noch ein paar Stunden dauert, und dass er am nächsten Tag um 5.30 Uhr wieder aufstehen muss, um neue Ladung aufzunehmen.

“Meine Frau war dauernd in der Disco, hat die Kinder geschlagen und eingesperrt, mit Pharmazeutika ruhig gestellt, um abends weggehen zu können³, erzählt Mario.  Ihren Schmerz hätte er bei seinen Besuchen an den Wochenenden schon gespürt. Seine Frau hätte die Kinder aber unter Androhung schwerer Strafen dazu gebracht, ihrem Vater nichts über ihre Leiden zu erzählen. Bis Mario das Unglück realisierte, hatten sie beide schwere psychische Schäden davongetragen und verbrachten ihre Zeit weitgehend auf der Strasse. “Die haben dort nach dem Recht des Stärkeren gelebt³, sagt Mario. In einem speziellen Internat, das der niederländische Staat für die Kinder von Seefahrern eingerichtet hat, werden sie nun psychologisch betreut. Dies und der nu  wieder regelmässige und ungezwungene Kontakt mit Mario hat ihnen geholfen, wieder normale Kinder zu werden. Mario demonstriert dies anhand von Fotos. Auf früheren Aufnahmen von Besuchen auf der Solta sieht man die beiden Mädchen in reservierter, geduckter Haltung. “Schau, wie gequält das Lächeln ist, ganz gestellt.³ Spätere Bilder enthüllen eine offenere Körpersprache. Nach anfänglicher Distanz zueinander spielen Marios und Andreas Kinder unbefangen miteinander. Zumindest für Andreas Tochter Sabine ist zu einem späteren Zeitpunkt auch ein Leben auf dem Schiff vorstellbar. Vielleicht wird die Solta ja irgendwann in reinem Familienbesitz sein. Marios Traum von der Zukunft ist ein Hausboot. “So eines wünsche ich mir für das Alter. Ich schaue mich jetzt schon um. Damit könnten wir auf den Kanälen in Südfrankreich herum fahren.³ Mario wird immer auf dem Wasser leben.

© Marc Kollmuss (Fotos),© Felix Ruhl (Text)

Für den gesamten Text bitte kontaktieren Sie Felix Ruhl: F.Ruhl@balcab.ch


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